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Rücksichtnahme? Meiyou!


  Ich habe Andreas, den anderen Trainee hier, einmal gefragt, ob er wüsste, was Rücksichtnahme auf Chinesisch heisst. Normalerweise weiss er so etwas, er weiss sogar was Kaulquappe auf Chinesisch heisst, ein Wort, welches ich gerade erstmal nachgeschlagen habe weil ich nicht wusste, wie es geschrieben wird. Ich lag zwar richtig, aber das nur nebenbei. Jedenfalls überlegte er so 30 Sekunden bevor er sagte: weiss nicht. Das war für mich kein Wunder, ein Großteil der Chinesen kennt es ja auch nicht. So etwas wie bitte, danke oder dergleichen Höflichkeitsfloskeln gehen den meisten hier ab. Ich kriege das vor allem mit, wenn ich hier mit meinem metallenen Freund unterwegs bin. Eine rücksichtslosere Fahrweise habe ich noch nirgends erlebt. Hier im Verkehr gewinnt wirklich derjenige, der das größte Auto hat und am besten drängelt. Das fügt sich in die Metapher der Wölfe, immer zuerst irgendwo sein zu wollen ohne auf andere Rücksicht zu nehmen. Ich habe vor kurzem erlebt, wie es einen Unfall auf dem Motorradstreifen gab. Zwei Geleitstengeler sind mit ihren fahrbaren zweirädrigen Plastikbombern aneinader geraten, und einer hatte leider drei Räder und der andere fiel um. Besser gesagt, es waren zwei, ein älteres Ehepaar. Es ist zum Glück nichts weiter passiert. Ich war gerade in der Nähe und schaute erstmal zu. Die Frau lag unter dem Mofa und kam nicht hervor. Niemand half ihr. Im Gegenteil, die von hinten kommenden Fahrer hupten ob der unzulässigen (ungewollten) verzögerung. Sie saßen auf ihren Rollern, fuhren hupend vorbei und schauten auf die Frau herab, die immer noch unter dem Roller lag. Ihr Mann hatte unterdessen den anderen Bösewicht gestellt und beschimpfte ihn und machte Bewegungen, als ob er ihn in Stücke reissen wollte. Noch immer half der Frau niemand, ich bin dann losgelaufen und habe sie vom Roller befreit, sie hat sich vielmals bedankt. Währenddessen waren ihr Mann und der andere Teilnehmer damit beschäftigt sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben. Ich bin dann kopfschüttelnd und desillusioniert gegangen. Statt sich zu einigen, wurde wieder einmal geschrien, als obs das besser machen würde. Ich hab mal in nem Reiseführer gelesen, dass sich China zur Zeit in einer Art Manchesterkapitalismus befindet und das scheint sich auch auf die Gemüter auszuwirken.
Rücksicht Nummer zwei, nur als eines der vielen Beispiele erfuhr ich, als ich am Sonntag mal nen leckeren Kaffe in einem Cafe trinken wollte. Richtig geniessen kann man es eh nicht, weil der Laden proppevoll und eher eine Bäckerei denn ein Cafe ist. Egal. Ich bin dorthin,habe meinen Kaffe bestellt und wollte ein wenig lesen. 20 Minuten später kommen zwei Chinesen mit ihren Laptops herein und schauen sich Fussball oder Basketball an, ohne auf andere Gäste zu achten und unterhalten sich so laut, dass man alles versteht. Das wäre ja auch alles ok in einer akzeptablen Lautstärke, aber nein, man muss gehört werden. Kann ich akzeptieren bei 1,3 Milliarden, verstehen kann ich es nicht.
Genauso scheinen die Telefonfirmen erkannt zu haben, dass man sich stöndig zu  Wort melden muss, wenn man denkt, man hat was zu sagen. Ich bekomme, seit mein Guthaben meiner Handykarte unter 15 Yuan liegt, jeden Morgen per SMS eine Auskunft, wie hoch mein Kartenstand ist. So weiss ich immer genau, was ich noch telefonieren kann und was nicht. Diese Begründung ginge glatt als Werbung durch, wenn es nicht unglaublich nerven würde. Jetzt bin ich wieder aufm Stöckchen, wollte eigentlich was zu den Essgewohnheiten sagen in unserer Firma. Es ist ja so, dass es im Umkreis der Firma nicht wirklich Gelegenheiten zu Essen gibt, von der kantine, die ganz passabel ist mal abgesehen. So bringen sich viele unserer Kollegen ihr Essen in Tupperpäckchen von zu Hause mit. Das sieht dann so aus:

Da stehen die Schüsselchen dann in Reih und Glied und wer seine zuerst hinplaziert hat, darf auch zuerst an die Mikrowelle. Und ehrlich gesagt, manche Düfte sind schon verlockend. Ich gehe meist in die kantine oder wir bestellen uns was bei einem Schnelllieferservice. (Schifffahrt?). Und 3 Minuten vor 12 Uhr mittags sieht es dann noch so aus in unserem Büro:

Drei Minuten nach zwölf so:

Hier habe ich verstanden, dass das Essen heilig ist. Wenn manchmal etwas dringend fertig gemacht werden muss, sagen wir eine Zeichnung und es ist kurz vor Mittag, weisen unsere Designer unseren Vorgesetzten Mr. P freundlich darauf hin, dass ja gleich Mittag sei. Heilig. Unantastbar. Kann ich auch verstehen, nach 4 Stunden PC hat man erst mal genug von der Röhre. Da wird dann jovial getuschelt und der Ehering vorgezeigt und die Fotos die man am Wochenende mit seinem Zukünftigen hat schießen lassen. Manche schlafen auch, auf den Tischen, einfach so. Wie unsere Mitarbeiterin Frau Maman, die 5 Jahre in Mannheim verbracht hat, die ich weder Guten Morgen noch Auf Wiedersehen sagen höre und die noch niemals mit mir gesprochen hat. Mit anderen auch nicht. Sie gleicht englische und deutsche Manuals ab und scheint mir sehr einsam.
Naja, auf jeden Fall war das Wetter in letzter Zeit nicht so angenehm, viel Nebel und Smog, genau kann ich das gar nicht identifizieren, aus dem Büro sieht es jedenfalls wie Emmerichs Weltuntergang aus: hier mal Vergleichsbilder, so vorher-nachher Stil:


 



Sieht schon anders aus oder? Das war so Nachmittags 14Uhr. Und wenn der Deprimann dann kommt, geht man nach Hause und wird von einem Hotpot erwartet. In der Theorie. Meine Mitbewohner hatten mich mal zum Hotpot eingeladen. Ich habs voll verpennt und am nächsten Tag haben sie mich gefragt, wo ich war, sie hätten Hotpot wegen mir gemacht. Ich hab mich entschuldigt und ich hatte es ehrlich vergessen. Sie haben dann erstmal keinen mehr gemacht, Wetter zu warm, aber am Sonntag luden sie wieder ein und am Montag, ich hab das auf wenigen, leider zu wenigen Bildern mal festgehalten:





War ein super netter Abend. Irgendwie hab ich mich grad verheddert, telefonieren und schreiben gleichzeitig ist für einen verplanten Mitteleuropäer wie mich zuviel. Einen männlichen. Weibliche schaffen das. Hab ih gehört. Wie gesagt ich hab mich verheddert. Wo ist der Ausgang?

 

 

1.12.09 16:05

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Sebastian (1.12.09 19:02)
Hey Dirk,

ich verstehe die Wolfsmetapher. Muss da gerade im chinesischen Kontext aber an "Wolf Totem" von Jiang Rong denken.

http://en.wikipedia.org/wiki/Wolf_Totem

Der benutzt auch die Wölfe als Metapher, für ihn sind die Wölfe aber alles ursprüngliche, freie, ehrenhafte; alles was durch die Han-Chinesen verdrängt wird.

Han-Chinesen sind Schafe. Die gedankenlos, egozentrische, kurzsichtig und eben rücksichtslos alles auffuttern und kaputtmachen, was ihnen unter die Futterluke kommt. So lange bis kein Gras mehr da ist und die chinesische Mauer vom Sand begraben wird.

Für mich hat das durchaus 道理。

Viele Grüße nach Shanghai und weiter so mit den Bildern!

Sebastian

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